Essay: Die Stimme des Waldes

Winterzeit - Schlüssel zur Fantasie
Winterzeit - Schlüssel zur Fantasie

Ich melde mich, weil etwas zur Diskussion steht, das lange als geschützt galt: mein Boden.
Ich bin der Wald, und mein Boden ist kein beliebiger Untergrund. Er ist das, was über lange Zeit aus mir geworden ist: aus Laub, Nadeln, Wurzeln, Regen, Frost, Tierleben, Pilzen und Zersetzung. Was zu Boden fällt, verschwindet nicht. Es wird von Regenwürmern gelockert, von Mikroorganismen umgebaut, von Pilzgeflechten durchzogen. So entstehen Humus, Speicherraum für Wasser und die Grundlage für alles, was über der Erde wächst.
Dieser Boden ist ein Werk von Jahrhunderten. In ihm wird Kohlenstoff gebunden, Wasser zurückgehalten, Nährstoffe verfügbar gemacht. In ihm entscheidet sich, ob Bäume in trockenen Sommern Reserven haben, ob Wurzeln Luft bekommen, ob ein Wald widerstandsfähig bleibt. Ja, wer mich nur am sichtbaren Waldbild misst, übersieht mein Fundament.

Die Schweiz hat das gelernt. Nicht aus Naturromantik, sondern aus Erfahrung. Im 19. Jahrhundert wurde der Wald stark beansprucht: als Energiequelle, für Bauholz, als Futter- und Streureservoir. Man holte heraus, was man brauchte, oft zu viel und zu lange. Wälder wurden dezimiert, Hänge verloren Halt, Hochwasser und Rutschungen zeigten, dass ein Wald nicht folgenlos ausgeräumt werden kann.

1876 trat deshalb das erste eidgenössische Forstpolizeigesetz in Kraft. Seither trägt ein Gedanke bis heute: Der Wald ist nicht einfach Vorrat. Er ist Schutz, Lebensraum, Wasserspeicher, Erholungsraum und Ressource zugleich. Er soll bleiben – für jene, die heute von ihm leben, und für jene, die nachkommen.

Auch die Forstwirtschaft arbeitet mit diesem Bewusstsein. Maschinen fahren auf Rückegassen, Einsätze richten sich nach Wetter und Tragfähigkeit. Denn ein beschädigter Waldboden erholt sich nicht mit dem nächsten Frühling. Werden Poren zusammengedrückt, Schichten vermischt und Wasserwege gestört, verliert der Boden Funktion. Nicht für Wochen, sondern für Generationen.

 Nun gerät dieser Schutzgedanke erneut unter Druck. Wieder geht es um Energie. Diesmal nicht um Brennholz und Kahlschlag, sondern um Windkraft im Namen der Nachhaltigkeit. Ich verstehe die Dringlichkeit. Der Klimawandel ist für mich nicht Theorie. Ich spüre trockene Sommer, Starkregen, Hitze, geschwächte Bäume. Eine neue Energiepolitik ist nötig. Aber nicht jede Energieanlage ist deshalb nachhaltig.
Die in Diskussion stehenden Windkraftanlagen im Wald bestehen nicht nur aus riesigen Türmen, die später sichtbar aus mir herausragen. Sie brauchen Zufahrten, Trassen, Kranplätze, Lagerflächen, Leitungen und Fundamente. Ein einziges Fundament kann bis zu 20 Meter Durchmesser haben, drei Meter tief in den Boden reichen und aus bis zu 3'000 Tonnen Beton bestehen. Dazu kommen schwere Maschinen, Druck, Verdichtung und Eingriffe in ein gewachsenes System. Man kann prüfen, abwägen und kompensieren. Doch ein lebendiger Boden lässt sich nicht wie Baumaterial zur Seite legen und später wieder einsetzen.

Hier beginnt für mich der Widerspruch. Wird meine Struktur zerstört, lässt sie sich nicht rekonstruieren. Ein Zentimeter fruchtbarer Boden braucht rund tausend Jahre. Eine Windkraftanlage dreht vielleicht dreissig Jahre. Für eine Anlage mit begrenzter Lebensdauer wird ein Boden belastet, der in menschlicher Zeit nicht erneuerbar ist. Man beruft sich auf kommende Generationen und greift in etwas ein, das selbst über Generationen entstanden ist.

Vielleicht geht es deshalb nicht einfach um Windkraft gegen Wald. Es geht um unser Verständnis von Nachhaltigkeit. Eine Windkraftanlage produziert Strom. Ein intakter Waldboden speichert Wasser, bindet Kohlenstoff, ermöglicht Leben und stärkt den Wald für kommende Generationen. Wer Nachhaltigkeit sagt, darf nicht nur auf den Strom schauen. Wer Nachhaltigkeit sagt, muss auch sehen, was unter mir verloren geht.

Ich bin der Wald. Ich erinnere daran, warum mein Schutz entstanden ist. Wer Zukunft sagt, darf meinen Boden nicht erneut zur Verhandlungsmasse machen.

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«Nachhaltigkeit beginnt dort, wo man nicht mehr nimmt, als nachwachsen kann.» -  frei nach Hans Carl von Carlowitz