Poesie des Wasserglases

Die Poesie des Wasserglases
Der Sommer hat einen ziemlich klaren Auftrag: trinken.


Nicht irgendwann. Nicht erst, wenn der Kopf brummt und die Konzentration davonläuft. Sondern vorher. Also steht es da, das Wasserglas. Neben dem Laptop, auf dem Nachttisch, auf der Gartenmauer, im Schatten eines Sonnenschirms. Man leert es, füllt es nach, vergisst es, findet es lauwarm wieder und trinkt trotzdem. Der Körper ist bei Hitze nicht besonders wählerisch. Er will Wasser.
Also nehmen wir einen Schluck.


Und schon beginnt das Erstaunliche: Wir müssen dafür nichts tun. Nicht zum Brunnen gehen, nicht schleppen, nicht abkochen. Wir drehen den Hahnen auf, und es läuft. Klar, trinkbar, direkt bei uns zu Hause. Das ist für uns heute nicht mehr spektakulär. Es ist besser: Es funktioniert.


Fast die ganze Menschheitsgeschichte hindurch war Wasserholen Arbeit. Man trug es in Krügen und Eimern. Man wusste nicht immer, ob es sauber war. Heute steht ein Glas auf dem Tisch, und hinter diesem Glas arbeitet ein ganzes System: Fassungen, Leitungen, Reservoire, Pumpwerke, Kontrollen, Unterhalt und Menschen, die dafür sorgen, dass Druck und Qualität stimmen. Das Wasserglas ist damit ein kleines Stück verlässlicher Alltag.
Wir nehmen einen Schluck.


Jetzt wäre der Moment für die alte Frage: halb voll oder halb leer? Man kennt sie. Optimismus oder Pessimismus? Beim Wasserglas führt sie nicht weit genug. Spannender ist nicht die Füllhöhe, sondern der Inhalt.
Wasser sieht nach fast nichts aus. Dabei bringt es einiges mit. Kalk, Mineralien, Spuren von Boden und Gestein. Je nachdem, woher es kommt, schmeckt es anders. Weicher, härter, flacher, frischer. Es hat Landschaft berührt, bevor es im Glas landet.
Und es ist nicht steril. Trinkwasser ist sicher, aber in Wassersystemen gibt es Mikroorganismen, Bakteriengemeinschaften und Biofilme an Oberflächen. Das klingt schnell nach Alarm, ist aber zuerst einmal Biologie. Entscheidend ist, dass das System kontrolliert und sauber geführt wird. Wasser ist eben kein Produkt, das einfach aus dem Nichts kommt. Es hat Wege, Kontaktstellen, Temperatur, Material, Geschichte.
Noch ein Schluck.


Das Wasser verschwindet nicht einfach. Es wird aufgenommen, verteilt, gebraucht. Der menschliche Körper besteht bei Erwachsenen zu rund 50 bis 65 Prozent aus Wasser. Es steckt im Blut, in den Zellen, im Gewebe, im Gehirn. Wasser transportiert Nährstoffe, reguliert die Temperatur, hält den Kreislauf in Gang, unterstützt Stoffwechsel und Organe. Wir verlieren es laufend: über Schweiss, Atem, Urin, Verdunstung. An heissen Tagen noch schneller.


Ohne Essen geht es eine Weile. Ohne Wasser nicht.


Antoine de Saint-Exupéry schrieb in Terre des hommes sinngemäss über Wasser, es sei nicht notwendig zum Leben – es sei das Leben selbst. An einem heissen Tag reichen manchmal zwei, drei Schlucke, damit man erahnt, was damit gemeint ist.
Vielleicht müsste man dem Wasserglas gar keine grosse Bedeutung andichten. Es reicht, wenn man es einen Moment lang ernst nimmt. Und am Ende bleibt keine Erkenntnis für die Ewigkeit, sondern eine ziemlich einfache Handlung.
Austrinken.
Hahnen auf und nachfüllen…